Fenna Tinnefeld: Ein Jahr nach dem „STRESSTEST“ in Venedig: Was hat sich seitdem tatsächlich im Umgang mit dem Thema Hitze verändert? Und wie ist der Nachhall? Was hat Sie am meisten überrascht und was haben Sie mitgenommen?
Nicola Borgmann: „Am meisten überrascht hat mich, wie wenig selbst vielen Kolleginnen und Kollegen aus Architektur und Planung, aber auch politischen und institutionellen Entscheidungsträgern über das tatsächliche Ausmaß der Entwicklung bekannt war: über die Zahl der Hitzetoten, die hohen Versiegelungsgrade unserer Städte und die Geschwindigkeit der klimatischen Veränderungen. Aber auch darüber, welche enorme Wirkung vergleichsweise einfache Maßnahmen wie Bäume, Schatten, Entsiegelung und Verdunstung haben können.
Wir sprechen seit Jahren über den Klimawandel, aber das konkrete Wissen darüber, was Hitze für unsere Städte bedeutet und mit welchen planerischen Mitteln wir ihr begegnen können, ist offenbar längst nicht so verbreitet, wie es sein müsste.
Seit der Biennale hat sich die Wahrnehmung allerdings deutlich verändert. Hitze in der Stadt ist wesentlich stärker in den Medien und in der öffentlichen Diskussion angekommen. Und es wird konkreter darüber gesprochen, wie unsere Städte umgebaut werden müssen: über Entsiegelung statt weiterer Versiegelung, über das Pflanzen und vor allem den Erhalt großer Bäume, über Verschattung, Wasser und Verdunstung und darüber, wie viel Grün wir im Straßenraum tatsächlich brauchen. In immer mehr Städten entstehen dazu Hitzeschutzpläne, Entsiegelungsprogramme oder Konzepte für mehr Stadtbäume. Das Thema wird also zunehmend als konkrete planerische Aufgabe verstanden und nicht mehr nur als abstrakte Folge des Klimawandels.
Gleichzeitig ist und bleibt der Nachhall von „STRESSTEST“ außergewöhnlich groß. Das enorme Medienecho und die vielen sehr persönlichen Reaktionen der Besucherinnen und Besucher haben gezeigt, wie unmittelbar das Thema angekommen ist. Auch nach der Biennale werden wir weiterhin zu Vorträgen, Diskussionen und Gesprächen eingeladen – in der Fachwelt ebenso wie im politischen und institutionellen Kontext. Auch das Interesse an den Daten und Hintergründen hält an: Der begleitende Katalog wurde sehr stark nachgefragt, die deutsche Ausgabe ist inzwischen vergriffen. Für mich zeigt all das, dass es einen großen Bedarf an Wissen und konkreter Orientierung gibt. Entscheidend ist jetzt, aus dieser gestiegenen Aufmerksamkeit tatsächliche Veränderung zu machen. Denn viele der Maßnahmen sind bekannt, vergleichsweise einfach – und könnten sofort umgesetzt werden.“
Die Ausstellung hat die Folgen von Hitze nicht nur erklärt, sondern körperlich erfahrbar gemacht. Wenn Sie heute darauf zurückblicken: Was hat „STRESSTEST“ angestoßen – in der Architektur, der Stadtplanung und auch im öffentlichen Bewusstsein?
„Eine wichtige Wirkung von „STRESSTEST“ war, das Thema Hitze aus der rein fachlichen Diskussion herauszuholen. Wir wollten keine Ausstellung machen, die nur Zahlen, Prognosen und Best-Practice-Beispiele zeigt. Die Besucherinnen und Besucher sollten am eigenen Körper erfahren, was Überhitzung bedeutet – und anschließend im DE-STRESS-Raum erleben, wie unmittelbar Vegetation, Schatten und Verdunstung die Temperatur und unsere Wahrnehmung eines Raumes verändern können. Dabei war uns wichtig zu zeigen: Hitze betrifft uns alle, aber sie trifft nicht alle gleichermaßen. Besonders gefährdet sind ältere Menschen und Kinder, Menschen mit Vorerkrankungen, aber auch diejenigen, die im Freien arbeiten oder in dicht bebauten, stark versiegelten Quartieren leben. Auch Frauen sind von den gesundheitlichen Folgen extremer Hitze teilweise stärker betroffen. Und die Auswirkungen enden nicht beim Menschen – Hitze betrifft ebenso Tiere, Pflanzen und die gesamte urbane Biodiversität. Klimaanpassung ist deshalb immer auch eine soziale und ökologische Frage.
Nicola Borgmann ist Kunsthistorikerin und Ingenieurin. Neben Elisabeth Endres, Gabriele G. Kiefer und Daniele Santucci ist sie eine der Kurator*innen des Deutschen Pavillons auf der Architektur-Biennale 2025 in Venedig gewesen. Außerdem ist sie für die organisatorische und kuratorische Leitung der Architekturgalerie München verantwortlich.
Die unmittelbare Erfahrung von STRESS und DE-STRESS hat vielen Menschen sehr deutlich gemacht, dass Klimaanpassung keine zusätzliche Aufgabe sein kann, die man irgendwann noch in eine Planung integriert. Sie muss von Anfang an Teil unseres Denkens über Architektur, Landschaft und Stadt sein. Versiegelungsgrad und Versickerungsfähigkeit des Bodens, Vegetation und Verdunstung, Verschattung und Luftzirkulation sowie die Wärmespeicherung und Reflexionsfähigkeit von Fassaden, Dächern und Bodenbelägen müssen ebenso selbstverständlich zu den Grundlagen jeder Planung gehören wie Funktion, Konstruktion und Gestaltung. Und darin liegt zugleich eine große Chance. Klimaanpassung bedeutet nicht Verzicht auf Gestaltung oder Lebensqualität – im Gegenteil. Mehr Bäume, Schatten und Wasser, entsiegelte Flächen und gut gestaltete öffentliche Räume machen unsere Städte nicht nur widerstandsfähiger gegen Hitze, sondern auch lebenswerter, vielfältiger und schöner. Die klimaresiliente Stadt ist eine der großen Gestaltungsaufgaben unserer Zeit.“
Im DE-STRESS-Raum standen die Bäume als Sinnbild für die kühlende Stadt der Zukunft. Was ist nach der Biennale mit ihnen passiert, haben sie an einem neuen Ort in Venedig Wurzeln geschlagen?
„Das ist für mich eine der schönsten Fortsetzungen von „STRESSTEST“: Die sechs Bäume waren von Anfang an nicht nur als Ausstellungsobjekte gedacht. Uns war wichtig, dass sie anschließend dort weiterwachsen, wo sie ganz konkret das tun, wofür sie im DE-STRESS-Raum standen: Schatten spenden, durch Verdunstung kühlen und damit das Mikroklima und die Aufenthaltsqualität verbessern.
Die sechs Bäume haben neue Orte in Venedig gefunden: Die drei großen Hainbuchen wurden in den Giardini Napoleonici gepflanzt. Für die drei Feldahorne entstand eine besondere Zusammenarbeit mit dem Sportverein A.S.D. Sant’Elena. Gemeinsam mit den Sportlerinnen und Sportlern holten wir die Bäume mit dem Schiff ab und pflanzten sie im Rahmen eines Fußballturniers auf dem Sportplatz bei Santa Maria della Salute. Die Aktion hat den ganzen Verein und auch die Schulklassen, die dort regelmäßig Sport treiben, einbezogen und inspiriert. Sie hat sehr unmittelbar erfahrbar gemacht, wie eine einfache Maßnahme einen Ort verändern kann. Wir haben sie im Dezember 2025 gepflanzt und jetzt sind sie grün, spenden Schatten und machen den Sportplatz auch an heißen Tagen besser nutzbar. Auch die Photovoltaikanlage, die wir für „STRESSTEST“ auf dem Dach des Deutschen Pavillons installiert haben, bleibt bestehen. So ist „STRESSTEST“ zwar als Ausstellung beendet, aber ein Teil seiner Ideen ist dauerhaft in Venedig angekommen.“





